BLUTIGER ORT – Exklusive Leseprobe

BLUTIGER ORT – Exklusive Leseprobe

….so – und heute am Erscheinungstag in Deutschland: Die exklusive Leseprobe vorneweg:


1 Born with a heart of Lothian

Edinburgh war seine Heimat. Sein Zuhause. War es immer gewesen, obwohl er Jahre an anderen Orten verbracht hatte: Dunfermline, St Andrews, Glasgow, zuletzt Barcelona.

Auch unter den Katalanen war er Schotte geblieben. Fragte man ihn, erklärte Adair Bowie stets, dass er in erster Linie Schotte sei, dann Europäer und erst dann Brite.

Der 23. Juni 2016 hatte diesen Eindruck bei ihm nur verstärkt. 51,89% des Landes waren seinen Berechnungen zufolge Idioten, da sie keine Europäer mehr sein wollten.

Und so war er am 24. Juni morgens früh auf den Montjuïc gestiegen und hatte auf Barcelona geblickt. Seine Art des Nachdenkens, des Reflektierens. Entscheidungen traf man in Adairs Sicht am besten oben. Auf dem Berg.

Er hatte auf Barcelona heruntergesehen. Die Stadt, die in ihrer rechtwinkligen Struktur aus der Vogelperspektive so planmäßig wirkte und aus der Nähe so chaotisch war. Genauso sah er jetzt von Salisbury Crags auf Edinburgh herunter, ließ seinen Blick über den fleckigen Sandstein streifen. Die Stadt, die von oben so willkürlich wirkte, deren innere Ordnung er aber immer schon verstanden hatte.

Netto hatte er gut 30 Jahre seines Lebens hier verbracht.

Band 1 – jetzt auf Deutsch

Ab morgen würde er hier wieder arbeiten. Und die sandsteingesäumten Straßen schienen ihm von ihr oben im Sonnenaufgang zu sagen „Adair, du hast alles richtig gemacht.“ Mit einem Mal schienen alle Elemente des Chaos´ in seinem Leben sich wieder zu ordnen, an die richtige Stelle zu fallen.

Seine Frau mochte irgendwo in Los Angeles sitzen – aber hier in den schmutzig bräunlichen Häusern wusste er seine Tochter Vanessa sicher im Bett. Hier gab es Geraldine Bowie, seine jüngere Schwester, die im Zweifel helfen konnte. Seine Mutter Bonnie und Colin, seinen älteren Bruder. Und all die unzähligen anderen Schotten, die sauber auf die Stadt verteilt waren. Menschen, die ihm etwas bedeuteten. Freunde, die ihn in drei Jahren Barcelona nicht vergessen hatten. Kollegen der Polizei, mit denen er schon die Schulbank gedrückt hatte. Leute, die ihn ein Leben lang begleitet hatten wie die Royal Mile oder Waverley Station.

Und eben die Berge: Calton Hill und Arthur’s Seat, auf dem er jetzt an diesem frühen Sonntagmorgen stand. Er war in die Hocke gegangen, blickte verträumt von Salisbury Crags auf die Stadt herunter. Er erinnerte sich bildlich, wie er hier mit Todd Hognaye eine Flasche Strongbow Cider geleert hatte. ‘91 oder ‘92 musste das gewesen sein. Da waren beide keine 16 Jahre alt gewesen. Sie hatten die leere Flasche nach unten in die Ginsterbüsche gefeuert. Später hatten sie furchtbar gekotzt. Aber sie hatten es gemeinsam getan, hatten sich den schweren Schädel geteilt.

Adair grinste und sein Blick glitt in die Ginsterbüsche unter ihm. Das waren Zeiten ge…

„Was zur Hölle?“ Er griff in die Innentasche und zauberte seine Brille hervor. Sein Blick ging geschärft herunter in die gelben Büsche. Er kniff die Augen zusammen. Von einer Sekunde auf die andere wurden sie zu trainierten Bullen-Augen. Der Blick, der von vielen Detailbeobachtungen zeugte, vom genauen Hinsehen, dem Überprüfen. Augen, die den Tod schon so oft gesehen hatten und sich dennoch nie daran gewöhnen würden. Zum Glück.

Zunächst hatte er geglaubt, Müll zu sehen, den jemand hier oben achtlos entsorgt hatte. Aber jetzt war er sich sicher: Hier hatte jemand einen Menschen entsorgt. Er erkannte Zusammenhänge. Einen Rock, eine Bluse, Blut, gespreizte Beine, unnatürlich verbogene Arme und nochmals Blut.

Sein Polizei-Hirn begann zu ticken, Dinge zu sortieren – obwohl er in den vergangenen drei Jahren keine einzige Ermittlung geführt hatte. Adairs Ermittlermuskel war dennoch gut trainiert. Über Jahre hatte er alle Workouts absolviert, die dafür notwendig waren.

Ein erster Blick sagte ihm, dass gute sechs bis acht Meter unter ihm eine weibliche Leiche lag. So, wie er von oben auf die Leiche schaute, war das unangenehm klar. Sie lag kopfüber an den Felsen gelehnt. Gefallen. Vermutlich von da gestoßen, wo Adair jetzt stand. Ihr dezent karierter Rock war hochgerutscht und gab den Blick zwischen ihre Schenkel frei, die umfassend blutverschmiert waren. Auch nach drei Jahren außerhalb des Polizeidienstes hatte er den Code für „Sexuelle Übergriffe in Verbindung mit Brutalität“ noch im Kopf.

Einen Moment nachdenken musste er über die Nummer der Amtsleitung der Polizei in Edinburgh. Nur nicht über den Notruf gehen. Da konnte man sonst wo landen. Mit ein wenig Pech im Überlauf in Kirkcaldy oder am Ende in Glasgow, Gott bewahre.

Als er die Nummer wählte, lief er bereits los, um den Hügel zu umrunden und den Busch von unten anzusteuern.

„Hallo … Mein Name ist Adair Bowie. Ich möchte den Fund einer Toten auf Salisbury Crags melden. Ich habe…“

„Adair?“

„Hm?“

„Ich bin’s – Suggs!“

„Mach Sachen … Suggs! Wie geht’s? … Ähm …  Suggs. Im Ernst – ich bin hier auf dem Hügel, gehe gerade herum – und ich habe hier ‘ne Leiche.“

„Du fängst doch erst morgen an! Veräppel mich nicht! Ich hab schon gehört, dass du zurückkommen wirst – Mann, ich freu…“

„Ich – was? Suggs – ich mache keine Witze. Ich befinde mich auf Salisbury Crags. Ich laufe jetzt gerade den Hügel herunter. In einer der Felsspalten liegt eine Leiche, weiblich.“

„Fuck it – im Ernst? Und die hast DU gefunden?“

„Suggs…“ Er atmete einen Moment durch, während er quer über den Rasen den Hügel umkreiste. „Ich stehe hier oben einfach nur als Einwohner dieser Stadt. Ich habe eine tote Frau gefunden, das ist purer Zufall.“

„Und du machst wirklich keinen Spaß? Adair, du weißt, was da hinten dran hängt, wenn ich dir jetzt einen Wagen schicke?“

Ein Wagen reicht da nicht! Wir brauchen das große Besteck. Ich mache keinen Spaß. Wirklich keinerlei Spaß. Soll ich dir ein Foto von der Toten schicken?“

„Nein … versteh mich nicht falsch … das ganz Revier … alle reden darüber, dass du zurückkommst. Ich wollte nur sichergehen. Wo genau befindest du dich, wo müssen wir hin?“

 

…weiter?

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